No 1 – A Story of Shame

 

“You don’t like talking about yourself, do you?” you said.

My beloved friend,

out of all the things we spoke about this summer in the south of France, this one stuck. A single question that keeps echoing louder than the rest.

And I see how you’ve come to say that. When in public, I usually take the backseat. I listen and ask questions. I join the conversation, I have opinions, advice, little snippets of personal reference… but I never just start sharing. I seem to always need an invitation, a gentle question, a safe space, an honest interest. If invited on stage, I step onto it without hesitation. But I never built the stage myself. And I guess part of that is just me being an introvert. Nothing wrong with that, except…

…sometimes I want to share, but I just don’t know how to create space for myself, how to step forward and just start talking. And that might, in part, be an occupational hazard. I listen to people’s stories for a living, I ask questions, I encourage, I hold a safe space for them to bloom. And I genuinely love that. It is such a joy to see others open up, take up space, be vulnerable.

This weekly newsletter, which is above all a love letter to my best friends, and a sort of written replacement for the sharings we usually hold on FaceTime every Monday at 8:15 pm, is also my personal commitment to grow into the practice of sharing.

This is going to be my safe space, a stage of my own making, a step into the spotlight to feel the thrill—and the excruciating anxiety—of visibility. Because there is another component to why I don’t like talking about myself: shame.

Like a muddy thread, shame is woven into the stories of my life, hidden in the seams of the cloak of my identity. It makes the fabric feel heavy and itchy, yet so familiar I hardly notice it—until I try to step into the light, and the cloak scratches against my skin. This newsletter is my attempt to tug at that thread, to loosen it, to see what happens when the fabric shifts.

 

Shame goes back to the very beginning of all creation. It is rooted in the feeling of separation and disconnectedness. With separation came comparison—you versus I—a stabbing pain of lack and scarcity, a feeling of smallness. And the thought “I am not good enough” entered the stage.

It was quickly shared by everyone who bought into this narrow-minded version of identity, and these countless individual versions of “I am not good enough” created a narrative of separation and pain: a cloak of stories, densely woven from shame’s muddy thread, that hid our eyes from the universal truth of our connectedness.

Being ashamed of our smallness, of our distance from each other, we feel the wrongness of it all in our very bones and yet…the story has a tight grip, and we buy into it, strengthen it even, with every layer we add.It is as much a communal as it is an individual effort to rip off this cloak of shame, stitched together from stories—some ours, some passed down through generations.

 

Beloved reader,

you might have noticed that I have been putting up a poetic veil, smoothing the edges of my own shame. Because as much as the feeling of shame is, in its essence, a shared vibration… the stories are deeply personal. So here goes one of mine:

Writing this, I feel almost like I have to throw up. Stage fright, even though the stage is a social media platform and I am sitting at my desk, still in my pyjamas. I feel like I am committing to a national weekly news show, publicly declaring my own fallibility. Which is quite ridiculous, considering that I have maybe ten readers, all of whom I know and love.

But as I sit and think about all the things I’m going to share, I am inviting shame to the table, to sit with me in the open. It is not my favourite guest by far, and I feel its presence in the pit of my stomach, in the tension of my muscles, in the alertness of my senses, protecting me from ridicule and judgment. Its grip feels both protective and suffocating. Its presence is quite exhausting.

But I stay put and I sit with it—with the stomach pain, the alertness, the tension, the exhaustion, the tightness. And I can feel the stories rushing in, called by shame. Stories that start with “I could have,” “I should have,” “If only I…,” “I should do this or that.” Stories of being a less-than-perfect mother, daughter, friend, entrepreneur.

Stories which, despite their many facets and variations, can all be boiled down to: “I am not good enough.” And “I am not a good enough writer, why would anyone care?” takes on a prominent seat.

But this time I don’t run. I rip away the poetic veil and just look at it. A staring contest of sorts. And as I sit, look, and breathe, I can feel the stories whirling around me slowly settling, their fabric turning smoother, softer, less itchy and suffocating with each breath I take, with each word I write.

 

Have you ever dared to invite shame to the table and sit with it?

Where does it show in your body?

What stories start rushing into your mind?

 

 

 

 

Nr. 1 – Eine Geschichte der Scham

Scham ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Entstehungsgeschichte.

Und sie ist auch das erste Wort auf meinem Weg in die Freiheit.

 

„Du sprichst nicht gerne über dich selbst, oder?“, hast du gesagt.

Meine liebste Freundin,

von all den Dingen, über die wir diesen Sommer in Südfrankreich gesprochen haben, ist mir dieses eine im Gedächtnis geblieben. Eine einzige Frage, die lauter nachhallt als alle anderen.

Und ich verstehe, wie du darauf gekommen bist. In der Öffentlichkeit halte ich mich normalerweise zurück. Ich höre zu und stelle Fragen. Ich beteilige mich an Gesprächen, habe Meinungen, Ratschläge, kleine persönliche Anekdoten ... aber ich fange nie einfach an, mich mitzuteilen. Ich scheine immer eine Einladung, eine sanfte Frage, einen sicheren Raum, ein ehrliches Interesse zu brauchen. Wenn ich auf die Bühne gebeten werde, trete ich ohne zu zögern vor. Aber ich komme nie auf die Idee, mir selbst eine Bühne zu bauen. Und ich denke, das liegt zum Teil daran, dass ich introvertiert bin. Daran ist nichts auszusetzen, außer ......

…manchmal möchte ich etwas mitteilen, aber ich weiß einfach nicht, wie ich mir Raum nehmen, wie ich nach vorne treten und einfach anfangen soll zu reden. Und das könnte zum Teil beruflich bedingt sein. In meinem Job höre ich mir die Geschichten von Menschen an, ich stelle Fragen, ich ermutige sie, ich schaffe einen sicheren Raum, in dem sie sich entfalten können. Und das liebe ich wirklich. Es ist eine große Freude zu sehen, wie andere sich öffnen, Raum einnehmen, verletzlich sind.

Dieser wöchentliche Newsletter, der vor allem ein Liebesbrief an meine besten Freundinnen ist und eine Art schriftlicher Ersatz für die Gespräche, die wir normalerweise jeden Montag um 20:15 Uhr über FaceTime führen, ist auch mein persönliches Versprechen an selbst, mich zu zeigen und mehr von mir zu teilen.

Dies wird mein sicherer Ort sein, eine Bühne, die ich selbst geschaffen habe, ein Schritt ins Rampenlicht, um den Nervenkitzel – und die quälende Angst – der Sichtbarkeit zu spüren. Denn es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich nicht gerne über mich selbst spreche: Scham.

Wie ein schlammiger Faden ist Scham in die Geschichten meines Lebens eingewoben, versteckt in den Nähten des Mantels meiner Identität. Sie macht den Stoff schwer und juckend, aber dennoch so vertraut, dass ich sie kaum bemerke – bis ich versuche, ins Licht zu treten, und der Mantel an meiner Haut kratzt. Dieser Newsletter ist mein Versuch, an diesem Faden zu ziehen, ihn zu lockern, um zu sehen, was passiert, wenn sich der Stoff verschiebt.

Scham reicht bis zum Anfang der Schöpfung zurück. Sie wurzelt in dem Gefühl der Trennung und Entfremdung. Mit der Trennung kam der Vergleich – du gegen mich – ein stechender Schmerz des Mangels und der Knappheit, ein Gefühl der Kleinheit. Und der Gedanke „Ich bin nicht gut genug“ betrat die Bühne.

Er wurde schnell von allen geteilt, die sich dieser engen Version von Identität verpflichtet hatten, und diese unzähligen individuellen Versionen von „Ich bin nicht gut genug“ schufen eine Erzählung von Trennung und Schmerz: einen Mantel aus Geschichten, dicht gewebt aus dem schlammigen Faden der Scham, der unsere Augen vor der universellen Wahrheit unserer Verbundenheit verbarg.

Da wir uns für unsere Kleinheit und unsere Distanz zueinander schämen, spüren wir die Falschheit des Getrenntseins bis tief in unsere Knochen, und doch ... hat die Geschichte einen festen Griff, und wir glauben daran, stärken sie sogar mit jeder Schicht, die wir hinzufügen.

Es ist ebenso eine gemeinschaftliche wie eine individuelle Anstrengung, diesen Mantel der Scham abzureißen, der aus Geschichten zusammengenäht ist – einige davon sind unsere eigenen, andere wurden über Generationen weitergegeben.

 

Liebe Leser*innen,

vielleicht ist euch aufgefallen, dass ich einen poetischen Schleier aufgelegt habe, um die Kanten meiner eigenen Scham zu glätten. Denn so sehr das Gefühl der Scham in seinem Wesen auch eine gemeinsame Schwingung ist ... die Geschichten sind zutiefst persönlich. Hier ist also eine von meinen:

Während ich dies schreibe, könnte ich mich fast übergeben. Lampenfieber, obwohl die Bühne eine Social-Media-Plattform ist und ich in meinem Pyjama an meinem Schreibtisch sitze. Ich habe das Gefühl, mich zu einer nationalen Wochennachrichtensendung zu verpflichten und öffentlich meine eigene Fehlbarkeit zu bekennen. Was ziemlich lächerlich ist, wenn man bedenkt, dass ich vielleicht zehn Leser habe, die ich alle kenne und liebe.

Aber während ich hier sitze und über all die Dinge nachdenke, die ich erzählen werde, lade ich die Scham ein, sich offen zu mir zu setzen. Sie ist bei weitem nicht mein Lieblingsgast, und ich spüre ihre Anwesenheit in meinem Magen, in der Anspannung meiner Muskeln, in der Wachsamkeit meiner Sinne, die mich vor Spott und Urteilen schützen. Ihr Griff fühlt sich sowohl beschützend als auch erstickend an. Ihre Anwesenheit ist ziemlich anstrengend.

Aber ich bleibe sitzen und halte es aus – die Magenschmerzen, die Wachsamkeit, die Anspannung, die Erschöpfung, das Engegefühl. Und ich spüre, wie die Geschichten hereinströmen, hervorgerufen durch die Scham. Geschichten, die mit „Ich hätte“, „Ich sollte“, „Wenn ich nur ...“, „Ich sollte dies oder das tun“ beginnen. Geschichten darüber, dass ich keine perfekte Mutter, Tochter, Freundin oder Unternehmerin bin.

Geschichten, die trotz ihrer vielen Facetten und Variationen alle auf einen Nenner gebracht werden können: „Ich bin nicht gut genug.“ Und „Ich bin keine gute Schriftstellerin, warum sollte das jemanden interessieren?“ nimmt einen prominenten Platz ein.

Aber dieses Mal renne ich nicht weg. Ich reiße den poetischen Schleier weg und schaue es mir einfach an. Die Scham und ich-wir blicken einander an. Und während ich dasitze, schaue und atme, spüre ich, wie sich die Geschichten, die um mich herumwirbeln, langsam beruhigen, wie ihr Gewebe mit jedem Atemzug, mit jedem Wort, das ich schreibe, glatter, weicher, weniger kratzig und erstickend wird.

Hast du es jemals gewagt, die Scham an deinen Tisch einzuladen?

Wo zeigt sie sich in deinem Körper?

Welche Geschichten kommen dir dabei in den Sinn?