Nr. 8 – Eine Geschichte großer Nervosität

Nervosität steigt — und mein Körper spannt sich an, noch bevor ich eingreifen kann.

Etwas setzt sich in Bewegung, ungefiltert, ungebremst, schon unterwegs.

Nervosität

 

In mir: ein Wirbel roher Energie.

Es gibt diesen Kippschalter. Einen spürbaren Moment, in dem mein Nervensystem erwacht und losstürmt wie ein wildes Kind: schreiend, rufend, springend. Reine Reaktion. Keine Vorwarnung. Kein Plan.

Ein typischer Auslöser ist ein schambesetzter Gedanke.

Eine durchsichtige Bluse in einer wichtigen Situation — ich weiß, wer macht so etwas — aber es ist mir schon passiert. Und plötzlich ist er da, der Gedanke: Ich bin unangemessen gekleidet.

Scham schlägt ein wie ein Blitz. Sie fährt mit Wucht in meinen Körper, breitet sich heiß in meinen Adern aus. Auf einmal bin ich heiß, verschwitzt, zitternd. Dann kommen die Gedanken über den Schweiß. Und der Kreislauf beginnt von vorn.

Eine andere typische Situation: Urlaubsbeginn. Alle sind bereit, dann fehlt plötzlich eine Sache. Menschen laufen hektisch umher. Dieses grauenvolle Gefühl all dessen, was jetzt schiefgehen könnte.

Das ist nicht meine Nervosität. Es ist die meiner Großmutter.

Die Panik des Weggehens. Die Angst. Der Schmerz des Abschieds. Nicht zu wissen, ob man je zurückkehren wird. Unerträgliche Anspannung. Angst vor dem Unbekannten.

Diese Energie ist noch da. Selbst wenn wir heute „nur“ in den Familienurlaub fahren.

Eine weitere Geschichte — nicht meine, und doch tief in mir verankert — sind Familienfeste.

Die Familie, die ich heute habe, ist voller Wärme und Güte. Doch die Familie, an deren Tisch meine Großmutter saß, war eine andere. Gewaltvoll. Missbräuchlich. Manipulativ. Tief traumatisiert.

Unaussprechliche Geheimnisse lagen in der Luft — und der Versuch einer Mutter, diese Spannung für die Kinder erträglich zu machen.

Bei jedem Familientreffen spüre ich einen Hauch dieser alten Bedrohung.
Eine Wachsamkeit. Ein stilles Aufmerken meines eigenen Selbstschutzsystems.

Doch der jüngste — und intensivste — Kippschalter wurde durch einen aufregenden beruflichen Termin ausgelöst. Viel Verantwortung. Viel Vorbereitung. Viel Angst.

Ich war ganz drin: planen, organisieren, alles so gestalten, dass es außergewöhnlich wird.
Und das war es.

Der Preis dafür: zwei Wochen mit einem völlig überreizten Nervensystem.

Wenn ich einmal an bin, bin ich an.
Hochproduktiv. Fokussiert. Unerbittlich.

Aber ich finde den Aus-Schalter nicht mehr.
Ich bin nervös — durchgehend.

Also: Was tun?

Ich habe mich immer für eine entspannte Person gehalten. Und das kann ich auch sein — wenn der Tag so beginnt und so endet. Ich kann einen ganzen Tag im Bett verbringen, lesend, ruhig, frei von Sorgen. Ich kann auch einen ganzen Tag in Bewegung sein — Schränke ausräumen, Besorgungen machen — aktiv und trotzdem gelassen.

Doch sobald ein Termin näher rückt, der Gewicht hat.
Ein Auftritt.
Etwas, das die Geschichte trägt: Das muss gut werden. Ich muss abliefern.

Dann beginnt es.

Ironischerweise bin ich nie nervös, wenn es erst einmal losgeht.
Ich liefere immer.

Aber davor?
Das ist der schwierige Teil.

Und doch will ich nicht, dass mich das zurückhält.
Ich will weiter Neues wagen. Mich weiter hinauslehnen. Mehr — nicht weniger.

Mein erster Impuls ist immer: Weg damit. Und zwar schnell.

Also gehe ich ins Fitnessstudio, versuche, es durch Bewegung auszutreiben. Doch es funktioniert nicht.

Dann versuche ich zu meditieren.
Fast unmöglich, wenn die Nervosität im Kopf herumtobt wie ein wildes Kleinkind. Kein Satz der geführten Meditation bleibt. Alles gleitet mir aus den Händen.

Also nein — Wegdrücken funktioniert nicht.
Und Verstecken auch nicht.

Diese Nervosität, diese alte, rohe Energie, die wie eine giftige Flüssigkeit in meinen Körper fließt, will gesehen werden.

Also tue ich genau das.

Ich setze mich mit ihr hin.
Ich lade sie ein, ganz da zu sein.
Ich werde zum Raum, der sie halten kann — ohne Urteil, ohne Eile, ohne den Wunsch, sie verschwinden zu lassen.

Und während ich sitze und den Raum halte, geschieht etwas.

Nicht, weil ich es erzwinge.
Sondern weil ich es erlaube.

Irgendwann wird die Nervosität ruhiger.

Nicht besiegt.
Nicht ausgelöscht.
Nur gesehen.

  • Wie fühlt sich Nervosität in deinem Körper an, wenn sie zum ersten Mal auftaucht — und welcher Gedanke lädt sie meist ein?
  • Versuchst du, sie wegzubewegen, zu überholen oder zum Schweigen zu bringen? Was passiert, wenn du sie einfach da sein lässt?
  • Wenn du dir vorstellst, selbst der Raum zu sein, der diese Energie hält — was würde sich verändern?

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